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19.03.2014, 17:07 Uhr
Stehen heute die Menschen den Kirchen fern, weil es ihnen egal ist?
Muss das unsere Gesellschaft beschäftigen?
Ist das in Zeiten unruhigen Weltgeschehens ein Problem, das unsere Gesellschaft  beschäftigen muss? Ja, wenn wir aktuelle Fragen der weltweiten Krisen unserer Gegenwart verstehen und politisch einzuordnen haben.
Die Beschäftigung mit der Religion bleibt eine immerwährende Herausforderung.
Dies wahrzunehmen wird immer schwieriger, wenn – wie jüngst eine von der Evangelischen Kirche Deutschlands vorgelegte Studie belegt – sich gerade mal 22% im Alter von 14 bis 22 Jahren der Kirche verbunden fühlen und jeder fünfte dieser Altersgruppe zum Austritt entschlossen ist. Das sind dramatische Zahlen, die uns anzeigen, welch geringen Stellenwert heute Religion und Glaubensfragen für das politische und gesellschaftliche Zusammenleben in der Welt einnehmen.

In diesen Wochen bewegen wir uns auf Ostern zu.
Vor diesem Fest liegen die Passionssonntage, auch Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern genannt.
Der 16. März, dem Sonntag „Reminiscere“ in der diesjährigen Passionszeit galt dem Gedenken der
                                 weltweit bedrängten und verfolgten Christen

Dazu erklärte Thomas Rachel, Bundesvorsitzender des EAK der CDU/CSU, in einer Presseerklärung:

       Gegen die Missachtung der Religionsfreiheit und Menschenrechte
                                     auf der Arabischen Halbinsel

„Am kommenden Sonntag „Reminiscere“ werden wir in unseren Gottesdiensten ganz besonders der bedrängten und verfolgten Menschen auf der Arabischen Halbinsel gedenken.
Unsere christlichen Glaubensgeschwister, aber auch alle andere religiösen Minderheiten leben dort unter zum Teil extremen und für uns im sicheren Westen schier unvorstellbaren Bedingungen: 


      ***   Fehlende Religionsausübung Andersgläubiger,
      ***   Verbot von Kreuzen und Bibeln,
      ***   Verbot jeglichen Religionswechsels vom Islam unter Androhung 
              der Todesstrafe,
      ***   flächendeckende Diskriminierung
sowie
      ***   die völlige Missachtung der universalen Menschen- und Freiheits- 
              rechte kennzeichnen die Situation in der Ursprungsregion des
              Islam
            
             

Die Passionszeit lädt wieder neu dazu ein, uns nicht nur an den Sonnta- gen, sondern auch den übrigen Tagen der Woche politisch und gesell-schaftlich  für die universalen Menschenrechte überall in der Welt einzusetzen.
Muslime genießen in unserem christlich geprägten Land aus gutem Grund gleichberechtigt alle religiösen Freiheitsrechte.
Der Schrei der bedrückten und diskriminierten Kirchen im Orient ist im Gegensatz dazu eine deutliche Mahnung auch an alle in Freiheit lebenden Muslime, zusammen mit uns aktiv für die Menschenrechte von Anders-gläubigen in ihren Herkunftsländern und gegen jeden religiösen Fanatismus und Extremismus zu streiten.“


Religion und Welt mit ihren unterschiedlichen Kulturen und Identitäten
lassen sich in der Politik nicht getrennt betrachten. Ob Ägypten, Syrien oder jetzt aktuell Ukraine/Krim – es ist nicht immer möglich - übersichtlich abzustecken, wo Benachteiligung in Bedrängnis übergeht und zu Verfolgung führt. Dabei erleben wir vor allem auf Christen gerichtete Übergriffe und Gewalt, die sich zumeist an religiösen Fragen entzünden. Alltägliche Streitigkeiten nehmen immer wieder schnell eine religiöse Note an, wenn sie zwischen Christen und Muslimen stattfinden. Vertreibungen, Zerstörungen von Kirchen oder Gemeindezentren und offene Gewalt mit religiösem Hintergrund sind die Folge.

Christen leiden weltweit unter Diskriminierung und Benachteiligungen.
Es ist unbestritten: Christen haben weltweit am stärksten unter Bedrängnis und Verfolgung zu leiden. Dies ist auf ihre große Zahl zurückzuführen. Das Christentum ist die am weitesten verbreitete Religion der Welt, darum rückt diese Religion – besonders auch unter politischen Aspekten – immer wieder in den öffentlich kritischen Blick.
Volker Kauder, CDU Fraktionsvorsitzender im Deutschen Bundestag, berichtet über seine Erfahrungen:
Auf meinen Besuchen in vielen Ländern der Welt stelle ich fest, dass viele Menschen aufgrund ihrer Religion benachteiligt und diskriminiert werden. Das Menschenrecht auf Religionsfreiheit, seit 1948 ausdrücklich Teil der Allgemeinen Erklä-rung der Menschenrechte, gilt offenbar immer weniger. Es überrascht immer wieder, wie schwer sich gerade die, die sich für Menschenrechte verantwortlich fühlen, mit dieser Tatsache tun.

Wo bleibt heute die Friedensbewegung aus der 68er Zeit?
Mit jeder beunruhigenden Nachricht von der Krim/Ukraine und ebenso allen weiteren Unruheherden in anderen Ländern der Welt, muss die Frage nicht nur erlaubt, sondern nachhaltig gestellt werden:
                     Wo ist heute die deutsche Friedensbewegung?
                                Sie ist nicht da.  Warum?
Man darf die These wagen: Es geht heute nicht gegen die Amerikaner, Israel oder die Bundeswehr. Weil heute diese Feindbilder fehlen bewegen sich die Alt-68er und Linke ungern von ihrer bequemen Couch nach draußen. Deren Protest galt in Wahrheit nie allein dem Eintreten für den Frieden in der Welt. Er war immer auch ein politisches Statement für eine Ideologie und eine linke Weltsicht. Nie war dies öffentlicher als dieser Tage, da die Bilder aus Syrien und der Ukraine uns bewegen.
Wenn sie in wenigen Wochen dann wieder als Ostermarschierer demon-strieren  – gegen Rüstungsexporte, gegen die israelische Siedlungspolitik  oder US-Raketenabwehrschirme - dann sei der deutschen zugerufen: Friedensbewegung zugerufen:
Erspart uns diese heuchelnden Bilder! Jetzt wäre eure Stunde. Doch ihr versagt.

Die zu beobachtende
Gleichgültigkeit im Umgang mit der Religion in der Politi
k hat Folgen.
Die Säkularisierung, der Rückzug der Gesellschaft von der Religion; ist in den letzten Jahrzehnten stark vorangeschritten, wie dies die eingangs erwähnte Studie der EKD belegt. Große Teile unserer Gesellschaft haben heute keinen persönlichen Bezug mehr zur Religion. Damit hat sich vielfach die Meinung durchgesetzt, Religion sei Privatsache und habe in der Öffentlichkeit nichts zu suchen. Welch eine Fehleinschätzung und welch ein Irrtum! Oft ist zu hören, Christen, die in anderen Ländern verfolgt werden, weil sie ihren Glauben öffentlich auf heißem Teerain bekennen, hätten ihre Probleme selbst verursacht und sie seien für ihr Verhalten selbst verantwortlich.
Eine solche Ansicht und das mit ihr verbundene Schweigen zu durchbrechen, ist die große Herausforderung für verantwortungsbewusste Politik.

Vom Grundsatz her gesehen ist hierzu anzumerken:
Die Auffassung, es müsse eine Einheit von Staat, Gesellschaft und Religionsgemeinschaft bestehen, geht zurück auf eine Forderung für das 1948 festgeschriebene Menschenrecht. Dabei ist das individuelle Recht auf Religionsfreiheit ein den persönlichen Wesenskern jedes einzelnen Menschen berührendes Recht. Es steht in enger Verbindung einer Vorstellung der Menschenwürde, die Gewissens- und Meinungsfreiheit umfasst. Diese Freiheiten sind keineswegs als „private“ Rechte gedacht, sie schließen vielmehr immer die Freiheit des Ausdrucks mit ein.
Die Glaubens- und Bekenntnisfreiheit ist eines der existenziellen Menschen- und Grundrechte und kann mit Hinweis auf die anzustrebende Einheit von Nation und Glaube unterdrückt werden.

Auch die hierzulande zu
führende Diskussion um die Integration Zugezogener
kann hierzulande nur überzeugend führen, wer sich seiner eigenen Religion bewusst ist. Jedem, dem daran gelegen ist, eine Verständigung mit den Zugezogenen zur Förderung der Integration zu bewirken, muss sich den vielfältigen Religionsfragen öffnen und sich damit vertraut machen. Das heißt: Wenn wir als Christen mit Zugezogenen anderer Religionszugehö- hörigkeit (Islam) eine gemeinsame Basis für ein harmonisches und gedeihliches Miteinander finden wollen, sind auf beiden Seiten Sprach- und Argumentationsfähigkeit gefragt. Ohne Sie wird eine Integration nicht gelingen können.

Zurück zur Eingangsfrage:
Kann uns Religion bei politischen Betrachtungen egal sein?
Wenn man die politischen Zusammenhänge als Ganzes in den Blick nimmt und den Erfordernissen gerecht werden will, wird man zu der Antwort kommen müssen: Nein, denn Religions- und Weltfragen sind untrennbar zu betrachten.
In einer ehrlich angestrebten Debatte kann es nur darum gehen, wie wir richtig mit sich ständig verändernden Erscheinungen unserer Zeit umgehen. Die meisten Christen erkennen heute an, dass Fragen und Sichtweiten anderer Kulturen unser Verständnis von der christlichen Religion zu bereichern vermögen.
Das wiederum setzt eine lebenslange Beschäftigung mit den Grundfragen der Religion voraus. Was uns dadurch an geistlichem Reichtum zu unserer Entfaltung geschenkt wird, haben wir noch längst nicht ausgeschöpft. Bezogem auf den Zeitgeist lässt sich anfügen: Wer mit dem Geist geht, kann gut mit der Zeit gehen.
aktualisiert von Hans Bleckmann, 19.03.2014, 19:51 Uhr