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15.06.2010, 14:35 Uhr
Der demographische Wandel als Herausforderung und Chance
Resolution zur 46. Bundestagung
des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU (EAK)
„Zukunft braucht Erfahrung – Chancen der demographischen
Entwicklung“
 
Die Lebenserwartung der Menschen steigt stetig an. Das ist eine gute Nachricht. Gleichzeitig werden aber immer weniger Kinder geboren. Wir sind aufgerufen in christlicher Verantwortung, den Herausforderungen des
demographischen Wandels zu begegnen. Eine verantwortliche und verantwortungsvolle Politik zeichnet sich dadurch aus, dass sie den demographischen Wandel nicht nur beobachtet und analysiert, sondern vor
allem dadurch, dass sie solche Veränderungen in ihre Vorhaben, in ihre Entscheidungen einbezieht. Gerade die positive Seite des Wandels, die steigende Lebenserwartung, ist es, die uns hierfür Chancen eröffnet. Alter ist
als Gewinn zu begreifen.

Der EAK der CDU/CSU tritt sehr bewusst dafür ein, die Chancen des demographischen Wandels zu ergreifen. Dazu gehört es, das Geschenk des längeren Lebens anzunehmen und all denen entgegenzutreten, die das
längere Leben in unserer Gesellschaft als Last und Belastung sehen. Nachdem christlichen Menschenbild akzeptieren wir keine Abstufung des Werteseines Menschenlebens – weder nach Lebensleistung noch nach Lebensalter.

Wir freuen uns über die gewonnenen Lebensjahre der älteren Menschen, die unserer Gesellschaft insgesamt und den Familien zugute kommen. Alter ist vielfältig, facettenreich und bunt. Die älteren Menschen verfügen über
Erfahrungen, Kompetenzen und Potentiale, die es für das Miteinander in unserer Gesellschaft zu nutzen gilt. Sie sind vielfach die Säulen des Generationenzusammenhalts, Garanten für den sozialen Zusammenhalt. Sie
übernehmen Aufgaben in der Enkelkinderbetreuung, in der Pflege der Angehörigen, in den Kirchen, Parteien und Vereinen. Uns geht es daher darum, älteren Menschen in der Gesellschaft Partizipationsmöglichkeiten zu
geben und Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen ein selbstbestimmtes Leben bis ins hohe Alter gelingen kann. Dafür muss auch der erforderliche Hilfebedarf zur Verfügung zu gestellt werden.
Anforderungen veränderter Bevölkerungsstrukturen an die Gesellschaft Seit vielen Jahren wird die Debatte über die Auswirkungen des demographischen Wandels kontrovers geführt. Dennoch existiert über alle fach- und gesellschaftspolitische Diskussionen hinweg ein Punkt der Einigkeit:
Die Bevölkerungsstruktur in Deutschland (wie auch in Europa) wird sich ändern.

Seit mehr als fünfzehn Jahren liegt die Geburtenrate bei nur 1,4 Kindern. Gleichzeitig werden die Menschen immer älter. Sie leben gesünder und länger. Die mittlere Lebenserwartung der Menschen hat sich im letzten Jahrhundert um etwa 30 Jahre erhöht. Auf der Grundlage dieser Zahlen können wir schon heute sehen, wie sich unter bestimmten Annahmen die Zusammensetzung der Bevölkerung entwickelt. Daneben hängt die demographische Entwicklung einer Bevölkerung auch von Wanderungsbewegungen ab.

Der Rückgang der Bevölkerungsgröße und die Veränderung der Bevölkerungszusammensetzung haben damit Auswirkungen auf Wirtschaftswachstum, Steueraufkommen und Arbeitsproduktivität, auf Innovationsfähigkeit und die Balance zwischen den Generationen. Dieser Befund lässt keinen Zweifel daran, dass zentrale Fragen unserer
Gesellschaft in diesem Jahrhundert sein werden und auch sein müssen:

· Wie wollen wir künftig miteinander leben?
· Was sind unsere Kindern und Enkelkinder in der Lage an gesellschaftlicher Last zu tragen?
· Wie ist eine Gesellschaft, deren Struktur sich schnell verändert, zu gestalten?

Im Gebot „Du sollst Vater und Mutter ehren“ steckt zugleich auch ein Auftrag zur Gesellschaftsgestaltung im lebendigen Miteinander. Gemeinsam können wir unsere Gesellschaft tragfähig für alle Generationen gestalten. Das Alter auch als aktive, produktive und innovative Lebensphase zu entdecken, hilft
uns dabei, diesen Fragen zu begegnen. Chancen und Herausforderungen des Arbeitsmarktes
Eine Gesellschaft im demographischen Wandel wird oft gleichgesetzt mit Problemen der Zukunftssicherung. Dies wird meist damit begründet, dass ältere Menschen nicht mehr produktiv seien. Die absehbare Verschiebung
der Alterstruktur wäre demnach zwangsläufig mit einem Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktivität verbunden. Eindeutige Belege für diese Zwangsläufigkeit existieren derzeit aber nicht.

Zwar sinkt mit zunehmendem Alter die physische Leistungsfähigkeit, diese tritt aber in einer zunehmend wissensbasierten Wirtschaft immer mehr in den Hintergrund. In der Wissensgesellschaft gewinnen Fähigkeiten wie
Erfahrungswissen, Organisationsfähigkeit u. a. zunehmend an Bedeutung. Gerade diese Fähigkeiten nehmen mit dem Alter zu. Im Ergebnis sind also ältere Menschen nicht unproduktiv, sondern ihre Fähigkeiten verlagern sich in
andere Bereiche als bei jungen Beschäftigten. Die Veränderung der Bevölkerungsstruktur ist also auch Möglichkeit, die unterschiedlichen Fähigkeiten der Menschen besser zu nutzen.
Aufgabe der Zukunft ist es, innerhalb der Arbeitsmarktpolitik Maßnahmen zu schaffen, die eine weit reichende Arbeitsmarktbeteiligung gerade älterer Menschen ermöglichen und sicherstellen. Dazu gehören nicht nur die
Anpassung und Ausgestaltung von Arbeitsplatzbedingungen für die ältere Generation sondern auch die Ausnutzung der dort vorhandenen Potentiale zur Sicherstellung von Wachstum und Wohlstand der Gesellschaft.
Der Anteil der älteren Erwerbspersonen wird künftig steigen. In Deutschland werden schon in zehn Jahren die 40 bis 50-Jährigen in den Unternehmen die größte Altersgruppe stellen. Gleichzeitig wird die Zahl der Frauen und Männer
unter 65 Jahren abnehmen. Aus arbeitsmarkpolitischer Sicht müssen die Voraussetzungen für längere und unterbrechungsfreie Erwerbstätigkeit bei hoher Erwerbsbeteiligung geschaffen werden. Dafür bedarf es geeigneter
Rahmenbedingungen. Die Schaffung altersgerechter Arbeitsplätze im Sinne von Arbeitszeit, Belastung, und Arbeitsschutz bilden insoweit wichtige Handlungsfelder.
Umfassende und an die Anforderungen des Arbeitsmarktes angepasste Qualifikationen sind neben Gesundheit Voraussetzungen für hohe und lange Erwerbsbeteiligung. Die Qualifikation der Mitarbeiter ist Kernbestandteil zur
Sicherung der Beschäftigungsfähigkeit. Die Erstausbildung bietet daher lediglich einen Grundstock, der durch betriebliche und überbetriebliche Formen der Weiterqualifizierung ausgebaut werden muss, um die stetige
Weiterentwicklung der Erwerbstätigen sicherzustellen. Zusätzlich können auch weitere Formen des Wissenserwerbs die Weiterbildung und Qualifikation unterstützen.

Wirtschaftspolitische Chancen

Durch die zunehmende Zahl älterer Menschen wächst auch ihre wirtschaftliche Bedeutung. Das hat auch Auswirkungen auf die Nachfragestruktur der Bevölkerung. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigt, dass zurzeit schon ein Drittel der Konsumausgaben in Deutschland von über 60-Jährigen getätigt wird. Damit verändern sich die Anforderungen an das Güter- und Dienstleistungsangebot. Die Schaffung von Produkten und Dienstleistungen für ältere Menschen eröffnet große Marktchancen. Sie zu erkennen und zu füllen bietet die Chance auf einen neuen Wachstumsmarkt mit positiven Effekten auf den Arbeitsmarkt und die Lebensqualität älterer Menschen. Eine alternde Gesellschaft braucht auch neue Produkte, nicht nur im Gesundheitsbereich. Dies gilt sowohl für Fahrzeuge als auch für die Informations- und Kommunikationstechnologien, die besser an die Bedürfnisse
der Seniorinnen und Senioren angepasst werden. Sie bieten für ältere Menschen die Chance für neue Dienstleistungen zur Unterstützung und Hilfe im Alltag. Videotelefone, Spracherkennungsprogramme, Notfall- und Hilfsdienste ermöglichen länger ein unabhängiges Leben zu führen. Darüber hinaus werden mit zunehmender Gesundheit der Seniorinnen und Senioren die Ausgaben für Freizeit, Reisen, Kultur und Unterhaltung wachsen und zu einer Veränderung der Präferenzen und Konsumgewohnheiten auf den Märkten beitragen.

Für die Zukunftsgestaltung ist es daher unumgänglich, die Wirtschaft für die Chancen dieses Trends zu sensibilisieren, Impulse für die Entwicklung von innovativen Produkten und Dienstleistungen zu geben und ältere Menschen in ihrer Rolle als Verbraucherinnen und Verbraucher zu stärken.

Sozialpolitische Herausforderungen

Die absehbare Veränderung der Bevölkerungsstruktur stellt die sozialen Sicherungssysteme vor große Herausforderungen. Sowohl die Gesetzliche Rentenversicherung als auch die Gesetzliche Krankenversicherung basieren
auf dem Generationenvertrag. Durch den Geburtenrückgang und die längere Lebenserwartung ist dieses zunehmend ins Wanken geraten. Maßnahmen zur Weiterentwicklung der fiskalischen und leistungsrechtlichen Ausgestaltung der Systeme sind unumgänglich und dominieren die derzeitigen Diskussionen. Darüber hinaus existieren aber noch weitere
Handlungsfelder, die Bemühungen um die Tragfähigkeit der Lösungsalternativen unterstützen oder gar erst ermöglichen. Die oben diskutierte, längere Teilhabe der Menschen am Arbeitsprozess ist dabei ein Element. Durch den Ausbau der Infrastruktur und die Schaffung von entsprechenden Angeboten kann zusätzlich erreicht werden, dass Menschen möglichst lange ein selbständiges und aktives Leben führen. Hierzu gehören Hilfen zur
eigenständigen Lebensführung in der eigenen Wohnung und hauswirtschaftlicher Unterstützung ebenso wie die Möglichkeiten zur Teilhabe am gesellschaftlichen und politischen Leben durch entsprechende Angebote
aber auch die Unterstützung von Mobilität.

Auf die Potentiale der älteren Menschen setzen

Wenn wir die demographischen Herausforderungen der Zukunft bewältigen wollen, brauchen wir die älteren Menschen. Viele verfügen über ein großes Maß an Erfahrungen, Kreativität und Innovationskraft. Häufig haben sie die
Zeit und Bereitschaft, diese Potenziale für sich und für andere einzusetzen. Die meisten Bürgerinnen und Bürger im fortgeschrittenen Alter wollen sich auch keineswegs aus dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben
zurückziehen. Sie möchten sich mit dem ganzen Schatz ihrer sozialen, kulturellen und beruflichen Lebenserfahrung einbringen, mit ihrer Bildung und ihrem Wissen aktiv bleiben. Mit der Initiative "Alter schafft Neues" greift das
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend die Chancen einer älter werdenden Gesellschaft auf und schafft Rahmenbedingungen, die mehr Beteiligung älterer Menschen in unserer Gesellschaft und in der
Wirtschaft ermöglichen.
Die Gesellschaft im Wandel aktiv gestalten Die demographische Entwicklung unserer Gesellschaft ist nicht aufzuhalten.

Sie stellt uns vor Herausforderungen. Sie bietet aber auch viele Chancen zur Weiterentwicklung unserer Gesellschaft. Dazu brauchen wir weiterhin eine aktive Familienpolitik, die dem Wunsch der Eltern, Kinder zu haben, aufgreift und unterstützt. Es geht um eine Familienpolitik, die gerade auch das Ja zu Mehrkinderfamilien fördert. Ältere Menschen sind ein Reichtum für unsere Gesellschaft. Sie haben Kompetenzen und Potentiale, die unsere Gesellschaft braucht für ein besseres Miteinander der Generationen, für wirtschaftliches Wachstum und für Verbesserungen auf dem Arbeitsmarkt.
 
aktualisiert von Hans Bleckmann, 17.03.2011, 14:41 Uhr