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15.06.2010, 14:41 Uhr
20 Jahre Fall der Berliner Mauer - Erinnerung und Ausblick
Mit großer Freude und in tiefer Dankbarkeit erinnert der Evangelische
Arbeitskreis der CDU/CSU (EAK) an den Fall der Berliner Mauer vor 20 Jahren. Am 9. November 1989 barst der zuvor undurchdringlich scheinende Beton im Herzen Berlins. An einem historischen Tag von weltweiter Bedeutung reichten zahllose Menschen aus dem Osten und aus dem Westen Berlins und ganz Deutschlands einander unter Freudentränen die Hand. Die durch die Bürgerinnen und Bürger der DDR erkämpfte Öffnung der innerdeutschen Grenze wurde zur entscheidenden Voraussetzung der schon im folgenden Jahr vollzogenen staatlichen Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990.
 
Dieses unvergessliche historische Ereignis ist ein wichtiger Anlass zur Besinnung und Rückschau für alle Deutschen. In den Wochen vor dem 9. November 1989 hatten die Bürgerinnen und Bürger das über Jahrzehnte hinweg Undenkbare gewagt und den uneingeschränkten Machtanspruch der SED offen in Frage gestellt. Den Boden für die friedliche Revolution hatte eine
Bürgerbewegungbereitet, die über die Jahre an Breite und Tiefe gewonnen
und oft in evangelischen Kirchen ein bergendes Dach gefunden hatte. Nun
gingen die Menschen aus den Kirchen auf die Straßen und holten sich unter
der Parole „Wir sind das Volk“ die Souveränität zurück. Sie überwanden ihre
Angst und drängten die Machthaber durch friedliche Demonstrationen
zurück. Die Demonstration in Leipzig am 9. Oktober 1989, an der nach einem
Friedensgebet in der Nikolaikirche 70 000 Menschen teilnahmen, hat sich dem
kollektiven Gedächtnis unserer Nation ebenfalls eingeprägt.
Der Sehnsucht nach Freiheit, Demokratie und Recht hatte die SED am Ende
nichts mehr entgegenzusetzen, was die Menschen noch hätte überzeugen
können. In den folgenden Monaten zeigte sich, dass die Bürgerinnen und
Bürger der DDR in ihrer großen Mehrheit einen demokratischen
Verfassungsstaat nach dem Muster der Bundesrepublik Deutschland, eine
pluralistische Gesellschaft und die Soziale Marktwirtschaft anstrebten. Das
Ergebnis der Volkskammerwahlen am 18. März 1990 besiegelte diese
Richtungsentscheidung. Dem ersten in der DDR in freien Wahlen gewählten
Parlament stellten Bürgerinnen und Bürger die Aufgabe, den Übergang in das
wiedervereinigte Deutschland zu organisieren. Durch die Neugründung der
Länder brachen sie schließlich mit dem Zentralismus und kehrten in die
föderalen Traditionen Deutschlands zurück.
Der historische Rückblick auf die Friedliche Revolution und die ersten freien
Wahlen vom 18. März 1990 mahnen uns, dass Demokratie keine
Selbstverständlichkeit ist und gepflegt werden muss.
Die Mauer trennte beinahe drei Jahrzehnte lang unser Land - Familien,
Freunde und Nachbarn. Sie war bis zur beginnenden deutschen
Wiedervereinigung das bedrohlichste Symbol für die Teilung Berlins,
Deutschlands und der gesamten Welt im Ost-West-Konflikt seit dem Ende des
II. Weltkrieges. Die stille und ungebrochene Hoffnung zahlloser Menschen auf
ein Ende der deutschen Teilung überdauerte auf beiden Seiten der Mauer die
scheinbar endlosen Jahre, in denen wir Deutschen voneinander getrennt
waren. Die Hoffnung war damit am Ende stärker als kilometerlange
Grenzzäune, als alle Selbstschussanlagen, als zahllose Wachtürme und selbst
als der härteste Beton.
Die Wiedervereinigung unseres Vaterlands in Frieden und Freiheit verdanken
wir in erster Linie den mutigen Menschen in der damaligen DDR, die der SED
gut 35 Jahre nach dem 17. Juni 1953 erneut die Stirn boten. Zu würdigen ist
auch der Beitrag vieler Menschen in der alten Bundesrepublik, die an der
Einheit Deutschlands auch dann festgehalten und die deutsche Frage staats und völkerrechtlich offen gehalten hatten, als dies nicht opportun erschien.
Die Unionsparteien sind immer für eine Wiedervereinigung in Frieden und
Freiheit – gegen alle Widerstände – eingetreten.
Der Weg der Union hat sich als richtig erwiesen: Voraussetzung der
Wiedervereinigung war die feste Verankerung der Bundesrepublik
Deutschland in einem neu zusammenwachsenden, freiheitlichen und
demokratischen Europa sowie die Integration in das westliche Bündnis. Dies
half auch, das Misstrauen zu zerstreuen, das Deutschland nach dem II.
Weltkrieg entgegenschlug.
Das von Bundeskanzler Helmut Kohl ausgearbeitete „Zehn-Punkte-Programm
zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas“, das er nur wenige
Wochen nach dem Mauerfall im Deutschen Bundestag vorlegte, wurde zu
einem Meilenstein auf dem Weg zur staatlichen Einheit Deutschlands.
Gleiches gilt für die diplomatischen Verhandlungen der vorangegangenen
Jahre, in denen sich Helmut Kohl als Regierungschef stets für die Versöhnung
und ein neues Miteinander zwischen ehemaligen Kriegsgegnern in ganz
Europa einsetzte.
Als EAK betonen wir zudem den maßgeblichen und segensreichen Beitrag
vieler Christen zur friedvollen Bürgerrechtsbewegung, die sich in der DDR
gegen den sozialistischen Unrechtsstaat formierte. Sie hatten mehrere
Jahrzehnte lang teils sehr harte Repressalien durch das sozialistische Regime
zu erdulden. Ihr fester Glaube und ihr Vertrauen auf Gott blieben in zahllosen
Fällen ungebrochen, ja wurden unter der Kirchenfeindlichkeit des
sozialistischen Staates oftmals noch gestärkt. Die Christen in der DDR haben
unter dem Zuspruch des Evangeliums gelebt und sich den damit
verbundenen Ansprüchen mutig gestellt.
Viele protestantische Kirchengemeinden konnten sich so bis zum Herbst 1989
zu Ausgangspunkten einer friedvollen zivilgesellschaftlichen Protestbewegung
entwickeln, die sich mit Kerzen und mit Kirchenliedern, mit Gebeten und
getragen durch die Kraft des Evangeliums gegen den totalitären
Unrechtsstaat stellten und diesen schließlich in die Knie zwangen.
In der 1945 von Christen beider großer Konfessionen auch in der Sowjetischen
Besatzungszone (SBZ) gegründeten CDU sammelten sich viele Menschen, die
nach der nationalsozialistischen Katastrophe ein demokratisches, freies und
auf den unveräußerlichen Menschenrechten gründendes Deutschland
aufbauen wollten. Die Landesverbände in der SBZ und dann der DDR sahen
sich von Anfang an allerdings einem massiven Gleichschaltungsdruck
ausgesetzt. Nicht wenige Parteifreunde, die sich dem widersetzten, zahlten
dafür mit ihrer Freiheit und sogar dem Leben. Später wurde die CDU in der
DDR zu einer Blockpartei, die für die Christen eine Option darstellte, sich von
der SED zu distanzieren und gleichzeitig ihre Loyalität zum Staat unter Beweis
zu stellen, ohne dafür ihr christliches Bekenntnis aufgeben zu müssen.
Viele aufrechte Parteifreunde hielten die Idee der christlichen Demokratie
auch in den Jahrzehnten der Diktatur wach. Nur so konnte eine schnelle
programmatische Erneuerung der CDU in der DDR gelingen. Evangelische
Christen haben mit dem „Brief aus Weimar“ am 10. September 1989 diesen
Prozess eingeleitet. Dabei spielte das Motiv eine herausragende Rolle, die
Kirchen von ihrer politischen Ersatzfunktion zu befreien und die Politik zurück in
den Raum der Parteien und des Staates zu verlagern. Gleichwohl hat die CDU
in der DDR bis in die friedliche Revolution im totalitären System mitgewirkt.
Dafür hat sie bereits während ihres Sonderparteitags im Dezember 1989 ein
Schuldbekenntnis abgelegt. Das war die Voraussetzung für die maßgebliche
Mitgestaltung des demokratischen Neuaufbaus und der Wiedervereinigung.
Die Wiederkehr des 9. November 1989 ist jedoch nicht nur ein Tag freudiger
Dankbarkeit, sondern auch ein Datum mahnenden Gedenkens. Die
Erinnerung an den Fall der Berliner Mauer gebietet, sich vor allem der vielen
an der Mauer erschossenen Menschen zu erinnern. Fluchtversuche und der

erhoffte Weg in die Freiheit endeten mehrere Jahrzehnte lang für allzu viele
Menschen aus der DDR mit dem gewaltsamen Tod. Die heute in ganz
Deutschland hinsichtlich der DDR erforderliche, dauerhafte und mahnende
Erinnerungskultur schließt daher zuvorderst jene Menschen mit ein, die dem
Schießbefehl an den innerdeutschen Grenzen zum Opfer fielen. Ihr Schicksal
bleibt unvergessen.
20 Jahre nach der friedlichen Revolution ist es eine wichtige,
gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Erinnerung an die DDR nicht durch die
eigentlichen Machthaber von einst und ihre politischen Erben prägen und
verfälschen zu lassen. Als EAK werden wir jeder nostalgischen Verklärung der
DDR entschieden entgegenwirken. Die DDR war ein Unrechtsstaat. Dies darf
weder totgeschwiegen noch beschönigt werden. Es wäre daher höchste Zeit,
dass die aus der SED hervorgegangenen politischen Kräfte, sich ihrer
verdrängten und verschwiegenen Vergangenheit stellen und diese endlich
konsequent und in selbstkritischem Geiste aufzuarbeiten beginnen. Leider ist
dies derzeit weniger denn je zu erkennen. Die SED-Nachfolgepartei, die LINKE,
bestreitet den grundsätzlichen Unrechtscharakter des SED-Regimes und
versucht in der Krise unserer Tage, zunehmend an Versatzstücke einer
sozialistischen Ideologie neu anzuknüpfen, die längst historisch widerlegt ist.
Dies ist nicht nur eine Verhöhnung und eine unerträgliche Provokation für alle
Opfer der SED-Gewaltherrschaft, sondern auch eine Gefährdung unserer in
Ost und West gemeinsam errungenen, freiheitlichen und demokratischen
Werte und Grundüberzeugungen.
Als Evangelischer Arbeitskreis der CDU/CSU unterstützen wir daher den
weiteren Ausbau der wichtigen Gedenkstättenarbeit, die fortwährende
Aufarbeitung und Dokumentation des DDR-Unrechts und die hinreichende
Verankerung bzw. Vermittlung des Themas „DDR“ in den Lehrplänen der
Schulen.

In jedem Menschen, der den 9. November 1989 erlebt hat, werden – ob im
Osten, ob im Westen – jeweils ganz eigene Erinnerungen an diesen
historischen Tag wach. Was uns Deutsche an diesem einzigartigen
Novembertag einte, das möge uns auch an dem bevorstehenden
besonderen Jahrestag des Mauerfalls einen: Dass das Ende der einst in Beton
gegossenen Menschenverachtung durch die SED-Diktatur ein Anlass zu
Freude und Dankbarkeit ist. Die Verwirklichung aller demokratischen
Freiheitsrechte und eines demokratischen Rechtsstaates in ganz Deutschland
begann am 9. November 1989.
Es ist im 20. Jahr des Mauerfalls an der Zeit, in Berlin eine Straße oder einen
Platz zu Ehren der „Friedlichen Revolution“ zu benennen. Die allgemeine
Pflege der Erinnerungskultur ist auch in Zukunft ein wichtiger Baustein für die
Bewahrung von Demokratie und Freiheitsrechten in Deutschland.
Wir rufen alle Christen auf, sich gesellschaftspolitisch zu engagieren und für
unser Land zu beten. So wie vor 20 Jahren das Engagement und das Gebet
von Christen unserem Land geholfen haben, so bleibt dies auch weiterhin
gefragt, damit wir und künftige Generationen auch weiterhin in einem freien
Deutschland leben können.
 
aktualisiert von Hans Bleckmann, 17.03.2011, 14:47 Uhr