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27.05.2011, 17:46 Uhr
Unsere Schöpfungsverantwortung - Orientierung für eine nachhaltige Umwelt und Klimapolitik

Ausgangssituation und Herausforderung


Mehr als jemals zuvor in ihrer Geschichte steht die Menschheit derzeit vor existenziellen Herausforderungen.

Einerseits leiden fast eine Milliarde Menschen vor allem in der Dritten Welt unter Hunger und weitere Milliarden haben keinen oder ungenügenden Zugang zu sauberem Wasser, Energie oder nutzbarem Land. Andererseits lebt der überwiegende Teil der Bevölkerung (ebenfalls etwa eine Milliarde Menschen) der reichen Industrieländer in Überfluss und verschwendet Nahrung, Wasser und Energie.

Gleichzeitig erfolgt ein irreversibler Verbrauch von Bodenschätzen (z. B. Phosphat, Erdöl, Kohle, Erdgas, seltene Erden) und vor allem in den armen Ländern ein Raubbau an Boden und natürlichen Ökosystemen (z. B. Regenwälder). Durch die Verbrennung fossiler Energieträger sowie die Freisetzung klimarelevanter Spurengase trägt der Mensch maßgeblich zur globalen Klimaerwärmung bei. Ein Paradigmenwechsel in der Energieversorgung hin zu erneuerbaren Trägern ist daher unumgänglich. Die schwere Kernkraftwerkshavarie in Japan hat uns überdies die Sicherheitsgrenzen menschlicher Technologien deutlich vor Augen geführt.

 Die Größe der Herausforderung wird deutlich, wenn man bedenkt, dass außerdem bis 2050 die Ernährung und Energieversorgung von zusätzlich etwa 3 Mrd. Menschen gewährleistet werden muss. Da die landwirtschaftlichenNutzflächen aber praktisch nicht ausgeweitet werden können, kann dieses Ziel nur durch eine drastische Steigerung der weltweiten durchschnittlichen Flächenproduktivität erreicht werden. Parallel dazu ist eine Anpassung an veränderte Klimabedingungen und eine teilweise Flächenumnutzung für die Erzeugung nachwachsender Rohstoffe erforderlich, die aber nicht zur Beeinträchtigung der notwendigen Nahrungsmittel-produktion führen darf.

Bei alledem muss die Funktionsfähigkeit der Ökosysteme erhalten bleiben (Prinzip der Nachhaltigkeit). Andernfalls würden wir für unseren heutigen Wohlstand die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen zerstören.

Daraus folgt zwangsläufig, dass die Menschheit lernen muss, ihre daraus erwachsende Verantwortung anzunehmen, nämlich die Naturressourcen nachhaltig zu nutzen und die Funktionsfähigkeit der Natur zu wahren.

   Impulse des christlichen Schöpfungsverständnisses

 Der christliche Schöpfungsglaube bildet eine entscheidende Grundlage und Motivation für unsere Verantwortung für Umwelt und Klima sowie für unsere Mitmenschen und Mitgeschöpfe. Nach biblischer Auffassung ist der Mensch zum „Bilde Gottes“ (1. Mose 1,27) geschaffen und zum sorgsamen und treuhänderischen Handeln als Statthalter Gottes innerhalb der Schöpfung berufen. Das neuzeitliche Zerrbild vom Menschen als einem letztlich grenzenlosen und sich selbstermächtigenden Herrscher über die Welt, das mit der Praxis schonungsloser Ausbeutung der Natur einhergeht und in der Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen gipfelt, hat weder Anhalt am Wortlaut noch am Geiste der biblischen Schöpfungs-, Versöhnungs- und Erlösungsbotschaft.

Nach christlichem Verständnis findet sich der Mensch jenseits von Eden stets auch in Irrtum, Schuld, Entfremdung und Sünde verstrickt vor. Wir wissen daher sowohl um unsere herausgehobene Bestimmung und Verantwortung für diese Welt als auch um die bleibende Begrenzung und Unvollkommenheit all unseres Handelns, Trachtens und Sinnens. Wir bekennen einerseits, dass allein dem dreieinigen Gott die eigentliche Aufgabe der Bewahrung, Erlösung und Vollendung seiner Schöpfung zukommt. Diese demütige Erkenntnis kann uns zugleich vor Selbstüberschätzung, vor Hysterie wie auch vor Resignation bewahren, indem sie uns bei all unserem Tun und Lassen stets die nötige Gewissensruhe und nüchterne Gelassenheit verschafft. Andererseits erkennen wir unsere herausgehobene Mitverantwortlichkeit als Stellvertreter und Mitarbeiter Gottes (cooperator Dei) auf Erden. Wir begreifen uns demzufolge nicht als Gegenüber, sondern als Teil der umfassenden und lebendigen „Schöpfungsgemeinschaft“ (J. Moltmann), die ihr Leben aus Gottes Hand empfangen hat und mit der zusammen wir uns nach der letzten Befreiung von der „Knechtschaft der Vergänglichkeit“ (vgl. Röm 8,19-22) sehnen.

Christliche Schöpfungslehre betrachtet die Schöpfung Gottes nicht als etwas Statisches, Vergangenes oder gar Abgeschlossenes, sondern als einen unaufhörlichen, Schöpfung und Neuschöpfung gleichermaßen umfassenden Prozess, der in Gott seinen Ursprung hat und in ihm auch seine zukünftige Vollendung finden wird. Innerhalb dieses fortdauernden, dynamischen Schöpfungsgeschehens (creatio continua) gilt es für den Menschen, seiner Verantwortung vor Gott und seinen Mitgeschöpfen - nach bestem Wissen und Gewissen - gerecht zu werden.

            Ethische Grundhaltungen unserer politischen Verantwortung

 Politisches Handeln zum Schutz der Natur, der Umwelt und des Klimas muss sich daher vor allem an folgenden ethischen Hauptkriterien orientieren:

Erstens müssen die Auswirkungen auf die Lebens- und Gestaltungschancen für die kommenden Generationen gesehen werden. Ziel einer nachhaltigen und generationengerechten Politik muss sein, die Lebensressourcen für Kinder, Enkel und deren Nachkommen zu erhalten und möglichst wieder zu mehren, wo sie geschmälert worden sind. Das bedeutet, den derzeitigen Lebensstil bzw. das Konsumverhalten insbesondere der reichen Industrieländer zu überdenken und die realistischen Lebensbedürfnisse bei gleichzeitiger Schonung und Erhaltung der Ressourcen zu erfüllen. Es wäre fatal, wenn wir weiterhin von der Substanz (Rohstoffaufbrauch) oder auf Kosten unserer natürlichen Lebensgrundlagen (z.B. Devastierung der Böden) lebten.

 Zweitens haben wir die Auswirkungen auf die Lebens- und die Entwicklungschancen anderer Regionen der Welt und ihrer Bürger zu beachten. Der schonende und nachhaltige Umgang mit den Gütern unserer Erde erfordert, dass es den ärmeren Ländern gelingt, sich aus politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnissen zu befreien, die gegenwärtig ihre Gestaltungsspielräume einengen. Dazu gehören vor allem die Realisierung von politischer Stabilität und hinreichende Rahmenbedingungen, wie z. B. Infrastruktur, Marktzugang und faire Welthandels-ordnungen als Basis für eine gerechte Teilhabe aller Menschen am Wohlstand. Diese Kriterien sind zugleich als Grundsätze einer internationalen sozialen und ökologischen Marktwirtschaft durchzusetzen.

 Allerdings muss man auch anerkennen, dass eine Politik, die sich dem christlichen Menschenbild verpflichtet fühlt, hierbei immer im Blick behalten muss, dass all unser Handeln und Planen letztlich, vorläufig, irrtumsanfällig und unvollkommen ist. In verantwortungsethischer Perspektive wird sie somit stets auch damit zu rechnen haben, dass sie – trotz aller guten Vorsätze und Absichten – schuldig werden kann. Dies wird sie jedoch nicht daran hindern, mit aller Intensität und größtmöglicher Umsicht um überzeugende und nachhaltige Handlungskonzepte zu ringen.

Im Gegensatz zur bloßen Gesinnungsethik, die in ideologischer Weise ganz bestimmte Einzelaspekte aus des Gesamtzusammenhang löst und damit entscheidende Dimensionen eines ethischen Problems marginalisiert oder sogar gänzlich ausblendet, weiß sie um die Konflikthaftigkeit jeder konkreten Handlungs-herausforderung.

Einige politische Schlussfolgerungen

 Misslicherweise leidet die Debatte um Umwelt und Klima derzeit in vielfacher Weise unter ideologischen Vorfestlegungen, verhärteten Positionen und thematisch oder regional verengten Perspektiven. Da aber eine verantwortliche und zukunftsfähige Umwelt- und Klimapolitik von einem redlichen Bemühen um eine ganzheitliche und vorurteilsfreie Betrachtungsweise ausgehen muss, haben alle ökologischen und politischen Bewertungen und Handlungsableitungen stets mit einer sachlichen, ideologiefreien Zustandsanalyse des Gesamtsystems zu beginnen. Die separate Betrachtung oder gar emotionale Überbetonung einzelner Komponenten oder Maßnahmen verstellt den Blick auf Zusammenhänge und Langzeitwirkungen. Dies bedeutet die Vermeidung jeglichen sektoralen Handelns in den Bereichen Agrarwirtschaft, Ernährung, Energiewirtschaft und Umweltschutz und die Verwirklichung integrativer Ansätze. Als Indikatoren für Entscheidungen sind Stoff-, Öko- sowie Klimabilanzierungen heranzuziehen. Der Verbrauch von Umweltgütern oder natürlichen Ressourcen muss ökonomisch bewertet und in Wirtschaftlichkeits-rechnungen einbezogen werden. Aus dieser Sicht halten wir vor allem folgende Wege für eine nachhaltige und ökologisch tragfähige Umwelt- und Klimapolitik für notwendig:

Die Erforschung und Realisierung neuer, alternativer und nachhaltiger Lösungen auf dem Energie- und Umweltsektor und hochproduktiver effektiver Methoden der Landnutzung auch unter veränderten Klimabedingungen sind auch künftig unverzichtbar. Ideologische Vorurteile und kategorische Versagenshaltungen sind diesbezüglich zu vermeiden. Die Vorreiterrolle Deutschlands bei der Entwicklung von Umwelt- und Energietechnologien ist auszubauen.

 Ein langfristig angelegtes, ganzheitliches Energietransformationskonzept zur Senkung der Treibhausgasemissionen ist unter Beibehaltung der Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Schonung der Umwelt bei gleichzeitiger Gewährleistung höchstmöglichster Sicherheit für die Bevölkerung zu realisieren. Notwendig erscheint uns dafür als Übergang ein Energiemix. In diesem Zusammenhang hat allerdings die schwere Havarie in Fukushima die Sicherheitsproblematik von Atomreaktoren erneut deutlich gemacht. Eine zukunftsweisende Energiepolitik in Deutschland muss daher im Zeichen eines schnellstmöglichen Umstiegs in das Zeitalter der regenerativen Energien stehen. Dabei sollte für den Prozess des Ausstiegs aus der Kernspaltung ein breiter gesellschaftlicher Konsens erreicht werden. Die neu aufgeworfenen Sicherheitsfragen müssen auch gesamteuropäisch beantwortet werden.

Im Interesse der Verminderung der CO2-Emissionen ist auch die Energiegewinnung aus fossilen Rohstoffen langfristig zu reduzieren. Voraussetzungen für den Umstieg auf die regenerativen Energien sind die Schaffung und der Ausbau von Speicher-kapazitäten bzw. Netzen sowie aktive Energiespar- und -effizienzprogramme.

Die Lösung der Endlagerung von Atommüll an Stelle der derzeitig oberirdischen Zwischenlagerung ist eine ethische Notwendigkeit, weil radioaktive Abfälle unabhängig von den Kraftwerkslaufzeiten vorhanden sind und entsorgt werden müssen. Deshalb ist die Aufhebung des Gorleben-Moratoriums sowie gegebenenfalls die Erkundung weiterer möglicher Endlagerstätten ein Gebot der Stunde.

Die ländlichen Räume müssen so entwickelt werden, dass Landnutzung (wirtschaftliche Leistung), Biodiversität und sozialer Wohlstand sowie funktionsfähige Ökosysteme in einer vielgestaltigen Kulturlandschaft gesichert werden. Dazu gehören schonende und nachhaltige Bodennutzung, Beendigung des Flächenverbrauchs landwirtschaftlicher Nutzflächen durch Versiegelung (Wiedernutzung von „Altflächen“ statt Neuinanspruchnahme) sowie Erhöhung der Flächenproduktivität für Nahrungs-, Futtermittel und nachwachsende Rohstoffe bei Einhaltung der pflanzenbaulichen und ökologischen Standards. Einige Maßnahmen dafür sind gegliederte Fruchtfolgen, Humuserhaltung, Vermeidung von Grünlandumbruch und die Erhaltung von Grünland und Wald als CO2- Speicher. In allen Wirtschafts- und Lebensbereichen muss es zur möglichst schnellen Ablösung fossiler durch erneuerbare (einschließlich nachwachsender) Rohstoffe kommen. Darüber hinaus gilt es, einen sparsamen Ressourcenverbrauch durch weitgehend geschlossene Kreisläufe zu realisieren.

                                                  Zukunft durch Umkehr

Bei allen Bemühungen verfolgen wir das Leitbild einer gerechten und nachhaltigen Gesellschaftsentwicklung, das auch in der EKD-Denkschrift „Umkehr zum Leben“ vertreten wird und für das Wohlfahrt, Lebensqualität und Erhaltung der Funktionsfähigkeit der Ökosysteme wichtiger sind als unbegrenztes Wachstum, Konsum und Mobilität.

Erst wenn wir aus innerer Überzeugung unser persönliches Handeln entsprechend ausrichten, den Blick auf natürliche Zusammenhänge schärfen und auch selbst eine Vorbildwirkung in bescheidenerer Lebensführung entfalten, haben wir eine echte Chance, für unsere Kinder und Enkel und mit ihnen zusammen eine Welt zu bewahren, die auch morgen lebenswert ist.

 

aktualisiert von Hans Bleckmann, 27.05.2011, 17:53 Uhr